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Montag, 23. Januar 2012 |
Potsdamer Neuste Nachrichten (23.01.2012) von Klaus Ness
Im Sommer 2008 bezeichnete Saskia Ludwig den Brandenburger Landesverband ihrer Partei in einem Positionspartei als die „schlechteste CDU Deutschlands“. Das war zu einer Zeit, als die Brandenburger Christdemokraten als Juniorpartner der SPD noch ordentliche Regierungspolitik machten. Saskia Ludwig wollte mehr. Nachdem sich Johanna Wanka entschieden hatte, ihre Karrierechancen im Westen zu suchen, steht Frau Ludwig nun selbst an der Spitze der inzwischen oppositionellen Brandenburger CDU. Seither ist kaum eine Woche vergangen, in der sie nicht mit skurrilen Aussagen, bizarren Beiträgen, abwegigen Äußerungen, widersprüchlichen Positionierungen, schrillen Anschuldigungen und ideologischem Kampfgeschrei aufgefallen wäre.
Gewiss, wer weitgehend unbekannt ist im Land, der muss sich so gut es geht bemerkbar machen: Klappern gehört zum oppositionellen Handwerk. Wo dabei aber der Bezug zur Realität völlig verlorengeht, wo Politikern sämtliche Kategorien verrutschen, wo jede Verhältnismäßigkeit und jeder Anstand verloren gehen - da lässt sich vielleicht Aufmerksamkeit erzielen, vor allem aber Befremden und echtes Entsetzen. Man fragt sich: Was treibt Saskia Ludwig zu so absurden Behauptungen wie derjenigen, im Land Brandenburg herrsche heute der „Kommunismus-Sozialismus unter Platzeck“? Worauf will sie hinaus, wenn sie das wichtige politische Ziel der sozialen Gerechtigkeit als „trojanisches Pferd des Totalitarismus“ verunglimpft? Was um Himmels Willen meint Saskia Ludwig, wenn sie in der Dezember-Landtagsdebatte in einer Pauschalbeschimpfung der Brandenburger sagt: „Als Ministerpräsident würde ich mich fragen, warum gerade die Brandenburger (…) den Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie nicht verstehen.“
Man muss sich das alles auf der Zunge zergehen lassen. Hier versucht also offenbar die Vorsitzende einer Oppositionspartei dadurch Zustimmung zu erlangen, dass sie völlig abwegige Thesen verbreitet und nebenbei noch wüste Publikumsbeschimpfung betreibt. Die Brandenburger wissen aber sehr gut, dass ihr Ministerpräsiden Matthias Platzeck nicht in einer historischen Reihe mit Stalin, Enver Hodscha und Kim Jong-il steht. Sie haben in Wahlen und Umfragen immer wieder ihrem mehrheitlichen Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit Ausdruck verliehen. Und die allermeisten Menschen in Brandenburg finden es auch zweifellos überhaupt nicht witzig, von Frau Oberlehrerin Dr. Ludwig pauschal attestiert zu bekommen, sie seien zu naiv oder zu ahnungslos, zwischen Demokratie und Diktatur zu unterscheiden.
Es trifft sicherlich zu, dass die Brandenburger CDU nach zwei Jahrzehnten interner Auseinandersetzungen zum Zeitpunkt von Saskia Ludwigs Machtübernahme in keinem guten Zustand war. Seitdem aber hat Frau Ludwig den hiesigen Landesverband mit geradezu atemberaubender Konsequenz ins vollständige politische und gesellschaftliche Abseits manövriert. Gesprächsfäden werden abgerissen, frühere Partner systematisch verprellt, Bürgerinnen und Bürgern vor den Kopf gestoßen. Die Ludwig-CDU ist drauf und dran, alle Brücken zur Wirklichkeit niederzureißen. Während die Vorsitzende Journalisten vieler brandenburgischer Medien mit Gerichtsverfahren überzieht, gibt sie zugleich gerne Interviews in dubiosen Blättern vom äußersten rechtskonservativen Rand wie der „Jungen Freiheit“ und der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“. Dort versteigt sie sich dann zu Beschreibungen der Brandenburger Landespolitik und des Ministerpräsidenten, die den Eindruck vermitteln, auf seinem Weg in den Kommunismus bereite Brandenburg gerade den Austritt aus der Bundesrepublik Deutschland oder gar - möglichst am 13.August 2012 - den Bau einer neuen Mauer vor. Das alles ist nur noch bizarr.
Man könnte Saskia Ludwig „Geradlinigkeit“ bescheinigen, aber diese Eigenschaft schreibt man einem Elefanten im Porzellanladen üblicherweise auch nicht zu. Nein, der Fall Ludwig ist wohl anders gelagert. Hier ist es einer rechtskonservativen Ideologin gelungen, sich an die Spitze einer schwer angeschlagenen und verunsicherten Partei zu setzen, indem sie ihr weismachte, sie allein besitze einen klaren Kompass, kenne Ziel und Richtung. Damit ist Saskia Ludwig ein wirkliches Phänomen. In der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und auch in der Geschichte der ostdeutschen Bundesländer haben die Volksparteien üblicherweise versucht, die ganz normalen Menschen in der Mitte der Gesellschaft zu erreichen und zu überzeugen. Der politische Wettbewerb in Deutschland ist ein Wettbewerb um solche Wähler. Doch deren Ansichten und Anliegen sind Frau Ludwig herzlich gleichgültig.
Noch unbegreiflicher ist nur, dass sich die Brandenburger CDU-Vorsitzende nicht einmal darum schert, was die noch verbliebenen Anhänger ihrer eigener Partei denken. Ausweislich einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Aufarbeitungs-Enquete des Landtages sind nämlich 63 Prozent der Brandenburger CDU-Anhänger der Meinung, dass die Lebensleistungen der Ostdeutschen heute nicht ausreichend anerkannt werden. Fast die Hälfte (46 Prozent) der Brandenburger CDU-Wähler lehnen den Begriff „Unrechtsstaat“ für die DDR ab. Volle 50 Prozent der CDU-Anhänger meinen sogar, mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung müsse endlich ein Schlussstrich unter die Vergangenheit gezogen und mehr in die Zukunft geschaut werden.
Fast schon amüsant angesichts der Tiraden von Frau Ludwig ist, dass die Brandenburger CDU-Anhänger mit dem politischen System in ihrem Bundesland zufriedener sind als mit dem System auf Bundesebene (Brandenburg 57 Prozent, Bund 44 Prozent). Einen Rat für die Ludwig-CDU hätten deren Anhänger übrigens auch: 62 Prozent der CDU-Wähler sind nämlich der Meinung, dass es nicht die Aufgabe der politischen Opposition ist, die Regierung zu kritisieren, sondern sie in ihrer Arbeit zu unterstützen. Frau Ludwigs Strategie sieht aber anders aus: „2014 werden die Bürger dann die Wahl haben zwischen Kommunismus-Sozialismus unter Platzeck oder einer freiheitlichen Alternative der bürgerlichen Parteien ohne ideologische Bevormundung durch die Politik.“ Angesichts der Stimmung in der CDU-Wählerschaft könnte es sein, dass Frau Ludwig, die wie weiland Franz Josef Strauß den Sozialismus zu Lande, zu Wasser und in der Luft bekämpfen will, bald niemand mehr folgt. Der Brandenburger CDU und der politischen Kultur in unserem Land wäre es zu wünschen.
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Donnerstag, 23. Juni 2011 |
MAZ-Gespräch mit Klaus Ness
Mit
Königs Wusterhausens Landtagsabgeordneten Klaus Ness (SPD) sprach Frank
Pawlowski über den Streit um den Namen des Zeesener Gewerbeparks
„Schütte-Lanz“.
MAZ:
Weil Luftfahrt-Pionier Johann Schütte mit Hitlers Nazi-Regime
verstrickt war, soll er aus dem Gewerbepark-Namen gestrichen werden,
fordern Kritiker. Halten Sie das ebenfalls für richtig?
Klaus Ness:
Ich finde das Ansinnen richtig, eine Diskussion darüber zu führen. Aber
eine Umbenennung halte ich für falsch. Schüttes Zeesener
Luftschiffwerft gehört zur Geschichte von Königs Wusterhausen. Er war
ein herausragender Wissenschaftler und Ingenieur, zugleich aber jemand,
mit dessen Erfindungen der erste Luftkrieg geführt werden konnte. Und er
war jemand, der politisch irrte, als er sich mit den Nazis gemein
gemacht hat. Auf diese Ambivalenz muss man aufmerksam machen. Die Stadt
kann es aushalten, wenn der Gewerbepark so heißt – wenn sie es
historisch einordnet.
Wie soll das geschehen?
Ness:
Das könnte zum Beispiel in Form einer Gedenktafel geschehen, auf der
über Schüttes Leistungen und über seine Rolle im Hitler-Regime
informiert wird.
Das wäre überflüssig, wenn der Name verschwindet.
Ness:
Und dann? Einen Schlussstrich gibt es nicht. Geschichte ist komplex,
dem müssen wir uns in der Auseinandersetzung mit ihr stellen. Man kann
Geschichte nicht auf diese Weise tilgen.
Es gibt eine neue
Diskussion um Straßennamen aus der DDR-Zeit. Die CDU-Landtagsfraktion
will wissen, wie sehr Städte und Gemeinden heute noch von Namen wie
Johannes R. Becher geprägt sind. Bürgermeister wurden angeschrieben,
darunter der Königs-Wusterhausener. Was halten Sie davon?
Ness:
Das ist ein irrwitziger Vorstoß und Teil einer Kampagne gegen die
rot-rote Landesregierung. Es muss eine Diskussion über historische
Personen in ihrer Widersprüchlichkeit geben. Becher oder Thälmann kann
man als Opfer der Nazis und als Vorreiter des Stalinismus sehen. In der
früheren Bergbaustadt Senftenberg gibt es eine Adolf-Hennecke-Straße –
das gehört zur Geschichte dazu, man darf sich nur nicht unkritisch dazu
verhalten. Es ist richtig, dass nach der Wende Namen entfernt wurden,
wie „Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ und ähnliches. Das
war überzogen. Aber bei historischen Figuren sollte es das nicht geben.
Soll Königs Wusterhausen also seine Becher- und Weinert-Straße behalten?
Ness: Unbedingt.
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Sonntag, 5. Juni 2011 |
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Wer sich vereinigt, bleibt nicht alleine
Jörg Schönbohm, Brandenburgs scheidender CDU-Innenminister, beklagte in MAZspezial (Ausgabe vom 22.10.2009) Schweigegebote und kollektives Beleidigtsein, wann immer das offene Gespräch gesucht wird über die Folgen von 40 Jahren Sozialismus in der DDR. Wir eröffnen an dieser Stelle die Debatte darüber mit einer Erwiderung von Klaus Ness, dem SPD- Generalsekretär.
Was meint Jörg Schönbohm mit der „Lust am Beleidigtsein“? Im Kern wirft er einer Mehrheit der Ostdeutschen vor, Undankbarkeit dafür zu empfinden, dass sie heute in Freiheit in einem geeinten Deutschland leben. Im Konkreten beklagt er sich darüber, dass er als Westdeutscher, der jetzt im Osten lebt, mit seiner Sicht auf die Vergangenheit kaum Zustimmung findet.
Ich finde es gut, dass Schönbohm dies offen ausspricht. Denn er dokumentiert damit auch die Seelenlage eines Teils von Westdeutschen, die nach der Wende nach Ostdeutschland gekommen sind, um hier bei der Aufbauarbeit mitzuwirken. Aber eben nur eines Teils. Und deshalb verdient Schönbohm auch Widerspruch. Und zwar nicht nur von Ostdeutschen, sondern auch aus der Sicht eines Westdeutschen, der wie er 1990 aus Westdeutschland in die neuen Länder gekommen ist und hier seine neue Heimat gefunden hat.
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Sonntag, 29. Mai 2011 |
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Der 27. September 2009 hat die politische Architektur der
Parteienlandschaft durcheinandergewirbelt.
An diesem Tag wurde die SPD aus der Bundesregierung abgewählt.
Gleichzeitig zog die Partei „Die Linke“ zum zweiten Mal und gestärkt wieder in
den Bundestag ein. Damit hat sich vorläufig ein Fünf-Parteiensystem in
Deutschland etabliert, das die Debatten über Mehrheitsbildungen in den
Parlamenten in den nächsten Jahren bestimmen wird.
Ebenfalls am 27.
September 2009 wurde in Brandenburg ein neuer Landtag gewählt. Dass Landtagswahlen und Bundestagswahl an einem Tag stattfinden, hat es auch schon
in anderen Bundesländern gegeben. Die Erfahrung bisheriger Zusammenlegungen
zeigt, dass das Wahlverhalten bei der Bundestagswahl auch die Stimmabgabe zur
Landtagswahl bestimmte. Die Abweichungen
zwischen Landtagswahl- und Bundestagswahlergebnisse der jeweiligen Parteien
bewegten sich bisher bei 1-2 Prozent. Eine Analyse des Wahlverhaltens der
Brandenburger zeigt jedoch, dass diese Regel in Brandenburg durchbrochen wurde.
Die Brandenburger SPD erhielt bei der Bundestagswahl 25 Prozent der
Zweitstimmen und landete hinter die Partei „Die Linke“ auf Platz 2, bei der
Landtagswahl erreichte die SPD aber 33 Prozent und wurde erneut vor den Linken
stärkste Kraft. Im Vergleich zur Landtagswahl 2004 legte die Brandenburger SPD
gegen jeden Bundestrend sogar ein Prozent zu, während die Linke leicht verlor.
Die Brandenburger CDU übrigens
scheiterte wie auch 2004 an der ungeschriebenen Volkspartei-Hürde von
20-Prozent.
Eine Spreizung von 8
Prozent bei einer Wahl an ein und demselben Tag für eine Partei ist eine
Besonderheit, deren Ursachen genauer betrachtet werden müssen. Möglicherweise
lässt sich daraus auch etwas für die Zukunft der SPD auf Bundeseben lernen. Was
unterschied also die Brandenburger SPD aus Sicht der Wählerinnen und Wähler von
der Bundes-SPD? Der wichtigste Punkt zuerst: Die Brandenburger SPD hatte im
Gegensatz zur Bundes-SPD eine klare Machtperspektive. Die Brandenburger SPD
ging zwar ohne Koalitionsaussage in den Wahlkampf, konnte aber glaubhaft
vermitteln, dass sie stärkste Partei werden kann, da sowohl CDU als auch „Die
Linke“ unter ihrer Führung mit ihr koalieren wollten. Auf Bundesebene hingegen
konnte die SPD keine realistische
Mehrheitsbildungsoption vermitteln. Eine Partei, die aber ihre Anhänger zur
Stimmabgabe mobilisieren will, muss deutlich machen können, dass sich die
Stimmabgabe für sie „lohnt“, der Wähler also eine Chance hat, mit seiner
Stimmabgabe auf der „Siegerseite“ zu sein.
Da die Bundes-SPD aber keine realistische Mehrheitsoption vermitteln
konnte, demobilisierte sie ihre eigenen Anhänger.
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Montag, 9. März 2009 |
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Eine Zwischenbilanz auf dem Weg zur
Landtagswahl von Klaus Ness und Matthias Beigel
Brandenburg hat gewählt und
entschieden: Die SPD ist auch auf kommunaler Ebene stärkste Kraft im
Land. In neun Landkreisen und der kreisfreien Stadt Cottbus stellen
Sozialdemokraten wieder die stärkste Fraktion. Bei der Kommunalwahl
vor fünf Jahren war dies nur in drei Landkreisen gelungen. Ein
Erfolg der märkischen SPD, um den uns manch anderer
SPD-Landesverband beneidet. Und eine Trendwende: Zum ersten Mal seit
zehn Jahren konnte die SPD in unserem Land bei Wahlen wieder real
zulegen und Vertrauen zurückgewinnen. Sie bekam 137.000 Stimmen mehr
als vor fünf Jahren. Das entspricht etwa 50.000 Wählern (bei
Kommunalwahlen hat jeder Wähler drei Stimmen). Und das in einer
Zeit, in der die SPD sowohl im Bund als auch im Land
Regierungsverantwortung trägt und viele unbequeme Entscheidungen
treffen musste. Gelungen ist uns dies durch einen guten Mix aus
verantwortungsbewussten politischen Inhalten und einem anerkannten
personellen Angebot. So erhielt die SPD bei der Kommunalwahl am 28.
September 2008 25,8 (+2,3) Prozent, die Linke 24,7 (+3,4) Prozent.
Die CDU rutschte auf 19,8 (-8,0) Prozent ab und erlangte ihr bisher
schlechtestes Kommunalwahlergebnis überhaupt. Insgesamt ist die CDU
damit nun sowohl auf der Bundes- als auch auf der Landes- und
Kommunalebene in Brandenburg nur noch drittstärkste Kraft.
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